16.01.2010
Oktober 2009
Gerade hat man mir mitgeteilt, daß die Krankheit, dessen Existenz in meinem Körper ich nicht mehr leugnen kann, heilbar ist. Ich höre auch, dass sie mich in kürzester Zeit hätte umbringen können. Die Worte klingen als ob ich sie durch eine Wand hören würde.
Ich werde auf Station aufgenommen mit den anderen, unfreiwilligen. Wir schauen auf die Wand. Unterhalten uns. Erzählen uns Wildfremden, die wir unser Zimmer für eine Nacht oder eine Woche teilen, von unserer Krankheit, unseren Zweifel, von den Jahren der Behandlungen, vom Krankenhaus Essen, von unserem Leben draußen, außerhalb dieser Wände. Jetzt ist alles anders.
Wir tun so als ob wir das gelegentliche Stöhnen und Schreien, oder sonstige Geräusche des Leidens, nicht hören. Wir reden weiter oder schweigen betreten und schauen aus dem Fenster. Wir betrachten die Skyline bei Nacht, bei Tag, bei Schnee, Regen oder Sonne und staunen über die Farben, den Ausblick. Von hier aus sieht die Stadt schön aus. Man schaut den Wolken hinterher oder den Flugzeugen und wünscht man könnte mit. Wolke oder Flugzeug. Egal. Man wünscht sich auch man könnte das malen.
Manchmal fliehe ich, indem ich stundenlang in mein Notizbuch schreibe. Ich beobachte, als gehöre ich nicht selbst in dieses Bild, und schreibe alles auf. Nichts von dem im Vertrauen Erzähltem, nur von dem von mir Erlebten und so, als würde ich einen Bericht für eine Zeitung verfassen. Eigentlich geht mich das alles doch gar nicht an.
Verwandte schauen vorbei. Vertraute. Und doch stehen sie hilflos. Sie können nicht dazu gehören. Näher bin ich Ihrer Mutter, ihrer Schwester, ihrer Frau als sie es jemals sein werden und so steht ein Schwur, ein ungeschriebener unausgesprochener, dass das was sie mir erzählen beim Hereinbrechen der Nacht, das Schöne, das Traurige, die Angst, ein Geheimnis zwischen uns unfreiwillig Verschworenen bleiben wird. Wir tauschen keine Telefonnummern. Rufe mich mal an, wird nicht ausgesprochen. Wir haben Angst davor, was so ein Anruf bringen kann. Wir wollen uns nicht gegenseitig eine fremde Last auflagen. Jeder trägt hier sein Päckchen. Das reicht.
Gefühle sind eingeschweißt. Trauer, Angst, Ungewissheit, Freude. Alles konserviert für irgendwann, wenn man sich wieder traut davon zu versuchen. Hier ist alles leise: das Lachen, das Reden, das Sterben. Das Lächeln ist eingefroren höflich. Eine Maske, die schützt und schont.
Nachts liege ich wach und ahne, dass das nicht lange gut geht.
An einem Tag male ich. Ich kann nicht malen, aber die Lehrerin hat Geduld und Ideen und ich will raus aus meinem Zimmer, aus meiner Krankheit, aus mir selbst und ich will es versuchen. Sie zeigt mir wie ich das Papier erst naß machen muß, klebt es mir auf den Tisch, weil ich mit dem Tropf an der Hand, nicht so beweglich bin. Dann zeigt sie mir die Farben und ich suche mir das Licht am Ende meines Tunnels heraus.
Was soll ich damit machen? Vertraue der Lehrerin, die an Dich glaubt, weil Du zu Ihr gekommen bist. Hier schaut keiner zu und schüttet Dich mit Erwartungen zu. Vertraue diesem Vorgang, den Du bereits vom Schreiben kennst und trotzdem staune ich als meine gelben, symmetrischen Linien sich ausdehnen, sich verändern und verwandeln. Meine Seele baumelt friedlich und zufrieden mit den Füßen, zwischen Feuerwerk, Blumen und Planeten, ihrem ganz persönlichen Plätzchen um glücklich und frei zu sein.
Am nächsten Tag gehe ich mit dem Blick auf meine Seele nach Hause.
Ich werde nicht sterben.
@Francesca

Platz für meine Seele